LebensWert

beruflich erfolgreich und persönlich im Gleichgewicht

„…pro Stunde“ – Warum Angestellte wenig bekommen und Selbständige und Unternehmer viel nehmen

| 5 Kommentare

Für Selbständige und Unternehmer, die „viel zu hohe“ Stundensätze kalkulieren müßten. Für Angestellte, die im Job Dienstleistungen einkaufen. Für Jedermann und Jedefrau, die sich wundern, warum Sie scheinbar immer soviel „pro Stunde“ bezahlen und so wenig „pro Stunde“ bekommen.
„Ich bekomme pro Stunde“, „Der will pro Stunde“ – sind Formulierungen die oft gebraucht werden, und oft zu heiklen Missverständnissen führen. Lesen Sie diesen Artikel, wenn Sie wissen wollen, wieso diese Missverständnisse ganz natürlich zustande kommen.

Oft erlebe ich, dass Klienten, die selbständig oder unternehmerisch tätig sind, sich scheuen, den Stundensatz zu berechnen, den sie verlangen müssten um ihre Leistung nachhaltig anbieten zu können – sprich: nicht pleite zu gehen – vor allem, wenn sie aus dem Angestelltendasein in die Selbständigkeit wechseln.

Angestellte wundern sich, sind neidisch, empören sich, wenn sie eine Dienstleistung für „zuviel“ Geld einkaufen „müssen“ und meinen, jeder Andere bekomme mehr als sie, ihr Chef wolle auf ihre Kosten schnell reich werden oder sie würden betrogen.

Beiden gemeinsam ist dabei: Sie vergleichen nicht einmal nur Äpfel mit Birnen oder Brutto mit Netto: Nein, es ist eher so, als vergliche man den Wert eines Hauses mit: „ein Haufen Steine, 20 Rollen Tapete und 10 Eimer Farbe“.


Selbständigen- und Unternehmersicht versus Angestelltensicht: 2 völlig verschiedene Perspektiven auf Arbeitsvergütung, Arbeitskosten, Kalkulation.

Deswegen merke: „pro Stunde“ ist nicht gleich „pro Stunde“

Wie sieht ein Angestellter „pro Stunde“?

Herr S. arbeitet angestellt. Seine Arbiet findet größtenteils am Computer statt, er braucht keine größeren Maschinen oder Materialien, nur einen Schreibtisch mit PC, Telefon und Internetanschluß. Er arbeitet 8 Stunden am Tag und bekommt etwa 2200 € ausbezahlt. Gewissenhaft wie er nun einmal ist, hat er sich schon ausgerechnet, was er pro Stunde bekommt: 13,10 €.

Manchmal ist er frustriert oder empört, wenn er sein Auto in die Werkstatt schafft oder einen Handwerker beschäftigt und dafür 40 € pro Stunde zahlen soll. Vom Beratungshonorar für seinen Rechtsanwalt oder die Coachingstunden ganz abgesehen.

Als Herr S. einmal sah, wieviel sein Chef einem Kunden für eine Arbeitsstunde von ihm in Rechnung stellt, war er schockiert: „Das ist ja unverschämt“ schoss es ihm durch den Kopf.
Ab und an schimpft er auch mit sich selbst, weil er scheinbar weit und breit der einzige Dumme ist.. „Alle verdienen mehr als ich“.
Ich bekomme 13,10 € und die nehmen soviel – das ist ungerecht!

Hat Herr S. recht? Gehen wir das einmal Schritt für Schritt durch:

1. Natürlich, für Herrn S. zählt, was er auf die Hand bekommt

…oder besser gesagt: Monat für Monat aus sein Konto.
Seine Rechnung:
Gehalt netto: 2200 €
Arbeitszeit: 8 Stunden täglich.
Nettoeinnahme bei 21 Arbeitstagen im Monat: 13,10 € pro Stunde
So hat es sich Herr S. ausgerechnet.

2. „gefühltes“ Netto und wirkliches Netto

Herr S. bekommt zwar 12 Monate im Jahr sein Geld, arbeitet jedoch nicht 12 Monate lang je 21 Tage.
Er hat noch mindestens 24 Tage Urlaub und bekommt die Feiertage bezahlt, obwohl er da nicht arbeitet.
Ob er zusätzlich ein 13. Monatsgehalt bekommt, Weihnachts- oder Urlaubsgeld, wissen wir nicht. Deswegen lassen wir das unberücksichtigt. Auch von bezahlten krankheitsbedingten Fehltagen wissen wir nichts.

Berechnet man den Nettostundenlohn auf Basis der wirklich gearbeiteten Stunden, ergibt sich folgende Rechnung:
2200 € * 12 Monate = 26400 € im Jahr.

Das Jahr 2011 hat nach Abzug der Feiertage in Sachsen 252 Arbeitstage. Davon noch 24 Urlaubstage abgezogen, verbleiben 228 Tage, die Herr S. im Jahr arbeitet, jeweils 8 Stunden am Tag.
Rechnung:
26400 € netto pro Jahr / 228 Arbeitstage / 8 Stunden = 14,47 € / Stunde

Differenz:
gefühlter Verdienst pro Stunde: 13,10 €
erhaltener Netto-Verdienst pro Stunde: 14,47 €

3. Brutto und Netto

Auf dem Gehaltszettel von Herrn S. stehen 3200 € Monatsgehalt (brutto).
Soviel bekommt er zwar nicht direkt ausgezahlt, aber sein Chef zahlt die Differenz direkt für Herrn S. in die Sozialversicherungen.
Herr S. bekommt also bezahlt (auf sein Konto und auf die Sozialversicherungskonten): 3200 € pro Monat.
Bei 228 Arbeitstagen im Jahr und 8 Stunden pro Tag ergibt sich daraus ein Stundenverdienst von 21,05 € pro Stunde

Differenz:
gefühlter Verdienst pro Stunde: 13,10 €
erhaltener Verdienst pro Stunde: 21,05 €

3. Herr S. kostet mehr, als seinen Bruttoverdienst

Was kostet Herr S. seinem Chef?

Auf jeden Fall natürlich die 3200 € Bruttogehalt im Monat.
Hinzu kommen die Arbeitgeberbeiträge zur Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung, Beitrag für die Berufsgenossenschaft, Gehaltsrechnung usw., alles Geld, was der Arbeitgeber nur dafür zahlt, weil Herr S. im Betrieb ist und was zum großen Teil für die Absicherung von Herrn S. dient – pauschal kann man dafür 30% des Bruttogehaltes ansetzen, also: 960 €
Plus dem Bruttogehalt heißt das, Herr S. kostet seinem Arbeitgeber bis hierher bereits 4160 € im Monat.

Pro Stunde sind das:

4160 € * 12 Monate / 228 Tage / 8 Stunden = 27,37 €.

Wir vergleichen mit der gefühlten Vergütung pro Stunde: 13, 10 €

Schon allein bis hierher kostet Herr S. seinem Arbeitgeber mehr als doppel soviel, wie er ausgezahlt bekommt.

Doch das ist nicht alles.

4. Arbeitsmittel und Materialien

Herr S. arbeitet an einem PC, nutzt einen Drucker, sitzt an einem Schreibtisch, benutzt Papier und Kugelschreiber, und – nicht zuletzt – sitzt auf einem Stuhl. All das muss vom Arbeitgeber finanziert werden, damit Herr S. arbeiten kann.
Hinzu kommen die Kosten für Telefon- und Internet, incl. Anschluß.

Außerdem kosten die Geschäftsräume Miete, müssen beheizt und gereinigt werden. Herrn S. anzurechnen sind da nicht nur die Kosten für die 8 qm, auf denen sein Schreibtisch, Stuhl und Schrank stehen, sondern anteilig die Kosten für alle allgemeinen Räume: Teeküche, Lager, Toilette, Flur, Garderobe, Konferenzraum etc..
Wenn wir dafür nur 10% der bisherigen Kosten veranschlagen (was knapp ist), erhöhen sich die Kosten des Arbeitgebers für Herrn S. auf 30,10 € pro Stunde.

Halten wir noch einmal fest: Herr S. hat ausgerechnet, dass er 13,10 € pro Stunde bekommt. Sein Arbeitgeber zahlt bis hierher 30,10 € pro Stunde für ihn.

5. Aufträge und Administration

Bis jetzt kann Herr S. schon sitzen, telefonieren und sich auf Arbeit aufhalten. Er hat aber noch keinen Auftrag, es ist noch keine Rechnung geschrieben, Behörden wie Finanz- und Gewerbeamt sind noch nicht befriedigt…

Es fehlen noch 2 wichtige Punkte:
a.) Damit überhaupt Aufträge da sind, die Herr S. bearbeiten kann, hat sein Chef Kosten. Er muss Werbung bezahlen, Marketing betreiben, hat vielleicht einen Verkaufsmitarbeiter angestellt. All dies muss natürlich mit finanziert werden.

b.) Außerdem gibt es im Untrnehmen eine Büroangestellte, die Post bearbeitet, Rechnungen schreibt und die Buchhaltung für das Unternehmen erledigt. Sie untertützt damit die Arbeit von Herrn S. und ihr Gehalt muss anteilig von jedem Kunden über den Stundensatz mit finanziert werden. Das verteuert natürlich die Arbeitsstunde von Herrn S..

Nehmen wir nur noch einmal weitere 10% hinzu, erhöhen sich die Kosten für eine Stunde Arbeit von Herrn S. auf 32,83 €.

Wir erinnern uns:
13,10 € meint Herr S. zu bekommen.
Jede Stunde auf Arbeit kostet: 32,83 €.

Für Selbständige gilt hier: Wenn Sie diese Arbeit (Werbung, Administration) außer Haus geben, müssen die Kosten mitfinanziert werden. Wenn Sie die Arbeit selbst erledigen, verringert sich die Anzahl Ihrer produktiven Stunden. So oder so: In den Stundensatz muss das mit eingerechnet werden.

6. Anwesenheit versus produktive Arbeiststunden

8 Stunden täglich ist Herr S. auf Arbeit. 228 Tage im Jahr. Er ist allerdings nicht die ganze Zeit für Kunden tätig. Er hat interne Besprechungen, er macht seine Arbeitsabrechnung, er geht auf Schulungen, er richtet seinen Arbeitsplatz ein, der Computer stürzt ab, er hilft Kollegen …

Kurz und gut: Von den Stunden, die Herr S. arbeitet, kann sein Chef maximal 70% einem Kunden berechnen. Da Herr S. jedoch nicht bereit ist, mit nur 70% seines Gehaltes am Monatsende nach Hause zu gehen, verteuern diese nicht-produktiven Stunden den Stundensatz, den sein Chef einem Kunden in Rechnung stellen muss auf 46,90 € / Stunde.

Vergleich:
gefühlter Stundenverdienst: 13,10 €
dafür müssen einem Kunden in Rechnung gestellt werden: 46,90 €, zzgl. 19% Mehrwertsteuer sind das 55,81 €.
(Noch nicht eingerechnet ist hier der „Lohn“ für den Chef von Herrn S., der für seine Arbeit, die Leitung des Unternehmens, natürlich auch bezahlt werden muss: über den Unternehmensgewinn)

Fazit:

Mit anderen Worten: Jeder Handwerker, den Herr S. privat bezahlt, der ihn „nur“ 50 € pro Stunde kostet, kostet weniger, als er selbst.

Damit Herr S. 13,10 € „pro Stunde“ bekommen kann, müssen 55,81 € „pro Stunde“ erwirtschaftet werden.
Wir sehen: „pro Stunde“ ist nicht gleich „pro Stunde“.

„Nettolohn pro Stunde“ ist ungleich „Bruttolohn pro Stunde“ ist ungleich „Arbeitskosten pro Stunde“ ist ungleich „Honorar pro Stunde“ ist ungleich „Umsatz pro Stunde“.

Dabei sieht es so einfach aus:

Herr S. rechnet, was ihm pro Stunde bleibt: 13.10 €.
(Er rechnet Gehalt durch Monatsstunden, da es ja „selbstverständlich“ ist, das Feiertage und Urlaub bezahlt werden)
Sein Chef rechnet, was er für jede (produktive) Stunde aufwenden muss: 46,90 €
Das Finanzamt will die Umsatzsteuer – und schon muss ein Kunde 55,81 € zahlen.

Das heißt:

…in diesem Beispiel:
Für Herrn S.: Jede Stunde, die er als Endverbraucher mit weniger als 55,81 € bezahlt ist schlechter bezahlt, als seine Stunden.
Für den Chef von Herrn S. andere Unternehmer oder Selbständige: Wer soviel Netto pro Stunde haben will, wie Herr S. (hier 13,10 €), muss mindestens 55,81 € in Rechnung stellen.

Achten Sie auf die Unterschiede

…wenn „pro Stunde“ gesagt wird. Was pro Stunde ist bitte gemeint? Wie sind unterschiedliche Beträge einzuordnen?

Vor allem, wenn Sie:

  • als Selbständiger oder Unternehmer Ihre Stundensätze gegenüber einem Angestellten durchsetzen möchten.
  • als Chef Ihrem Mitarbeiter den Unterschied zwischen Netto- oder Bruttogehalt und dem dem Kunden in Rechnung gestellten Stundensatz Stunde plausibel machen möchten.
  • als Angestellte unzufrieden werden, weil Sie scheinbar so wenig bekommen.

Lassen Sie nicht darauf ein, den Haufen Baumaterial mit dem fertigen Haus zu vergleichen! Arbeiten Sie für sich selbst, in Gesprächen und Verhandlungen die Unterschiede heraus und vergleichen Sie nur, was vergleichbar ist.

Beachten Sie den Blickwinkel Ihres Gegenüber und erläutern Sie Ihren eigenen. So läßt sich manche fruchtlose Diskussion wenden und manche Frustration vermeiden.

Anmerkung: Herr S. hat im Beispiel keinen Firmenwagen, kein 13. Monatsgehalt, arbeitet nicht an einer teuren Maschine und verbraucht auch nur wenig Material. All dies würde den zu kalkulierenden Stundenpreis natürlich noch erhöhen. Dieses Beispiel dient dazu, die Ursachen zwischen den verschiedenen Wahrnehmungen von „pro Stunde“ zu verdeutlichen und Dimensionen aufzuzeigen – nicht mehr und nicht weniger.

Autor: THL

Thomas H. Lemke berät und coacht in Dresden und Leipzig zu beruflichem Erfolg und persönlicher Entwicklung. Schwerpunkte seiner Arbeit: Coaching für den Berufserfolg, GesprächsCoaching, Männerberatung, UnternehmensAufstellungen.

5 Kommentare

  1. Hi Thomas,
    Ich habe – auch mit Nachwirkungen unseres Treffens – ein Excel-Blatt für
    mich entwickelt, in dem ich eintrage, was ich (in Kategorien aufgeteilt – am
    Tag so gemacht habe und was ich eingenommen habe. So sehe ich, was ich an berechneter Arbeitszeit, an Verwaltung oder was für Familie und
    Körper/Geist/Seele gemacht habe.
    Dazu noch Eingabe der Einnahmen, hochgerechnet auf eine 40h-Woche u.s.w.
    Erschreckend, wie niedrig mein Stundenlohn ist.
    Ist für mich eine gute Kontrolle.
    Diese Tabelle stelle ich gerne als Anregung für Andere zur Verfügung, um sich selbst kontrollieren können.

  2. Ja, Hans-Jürgen, Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung.
    Ich glaube, Mancher will das gar nicht so genau wissen – weil schon das Gefühl ziemlich deutlich sagt, dass man eigentlich etwas ändern muß.
    Deswegen finde ich es mutig, dass Du diese Aufzeichnungen angefangen hast.

  3. Diesen Artikel sollten mal große Verlage verlinken oder abdrucken, würde sicherlich nicht Schaden bei vielen Leuten.

  4. Wollte auch meine Erfahrungen mit Euch teilen. Also ich gehe immer so vor, falls ich mal wieder den Arbeitgeber wechseln möchte -> Ich gehe auf http://www.gehalt.de/ gebe meine Branche ein. Dann werden mir diverse Kollegen aus der gleichen Branche angezeigt. Dort steht das Alter, die Stundenanzahl pro Woche und natürlich auch das Einkommen. Somit habe ich einen direkten Gehalstvergleich. Anschließend drucke ich die Auswertung aus und lege es zu meinen Unterlagen. Falls im Bewerbungsgespräch dann die goldene Frage kommen und die kommt immer „Was möchten Sie verdienen ?“ Dann sage ich ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, so und so dies will ich haben und wenn der Chef dann komisch guckt, zeige ich Ihm die Liste. Also ich kann es nur jedem empfehlen. Geht auf http://www.gehalt.de und analysiert das Einkommen von anderen. Viel Erfolg weiterhin!

  5. Die Differenz überrascht tatsächlich sehr!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.