LebensWert

PersönlichkeitsEntWicklung

Warum habe ich Angst, in die Selbständigkeit zu gehen?

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„Weil es ein Schritt zu mehr Selbstverantwortung ist“, sagte ich Herrn K., als er mir diese Frage stellte.

Oft wird ja die mit der Selbständigkeit verbundene größere Freiheit hoch gelobt. Aber wieviel Freiheit können wir vertragen? Die Kehrseite der größeren Freiheit ist der Verlust von Schutz und Kontakt.

Nach meiner Erfahrung beschäftigt dies die meisten Selbständigen irgendwann in der Gründungsphase, manche vor der Gründung, manche im ersten oder zweiten Geschäftsjahr. Einige versuchen, die auftretenden Unsicherheitsgefühle durch das Schaffen äußerer Sicherheiten zu überdecken. Da werden schnell Versicherungen abgeschlossen, Ertragspläne wiederholt durchgerechnet, undurchdacht längerfristige Geschäftsverträge abgeschlossen oder einfach eine große oberflächliche Geschäftigkeit entfaltet. Sicherheit soll her, um jeden Preis.

In der Regel hält dies nicht lange. Denn was sich hier meldet, berührt einen zutiefst existentiellen Bereich: Das Gefühl, in der Welt geborgen und zu Hause zu sein und sich selbst so anzunehmen, wie man ist.

Wenn meine Coachingkunden in diese Unsicherheitsphase kommen, rege ich sie an, den Blick auch auf diese tiefere Ebene zu lenken. Da wird es dann sehr intensiv, manchmal fast spirituell:

  • Warum lebe ich überhaupt?
  • Wer oder was bin ich?
  • Was gibt mir Sicherheit?
  • Wo komme ich her und wo gehe ich hin?

Selbständigkeit führt uns heran an unsere Selbstverantwortlichkeit. Was wir nicht selbst tun, tut keiner. Und da wir alle wissen, daß wir Fehler machen und nicht vollkommen sind, kommt auch die Angst: Wer oder was hält mich, wenn ich mich selbst nicht mehr halten kann?

Wer sich in dieser Phase den tiefen Fragen stellt, wird gestärkt und geklärt daraus hervorgehen.

Auch im Angestelltenleben ist unser Leben unsicher. Nicht nur, daß uns unser Chef kündigen oder das Unternehmen pleite gehen kann: Täglich können Dinge passieren, die unser Leben radikal ändern: Krankheitsdiagnosen, Unfälle und so weiter. Wir machen es uns nur nicht bewußt.

In der Selbständigkeit rückt uns das Wetter näher an die Haut: Der rauhe Wind, aber auch die Frühlingsbrise oder die Sonne. Da gibt es kein Verstecken mehr, hinter dem breiten Rücken des Chefs. Im Gegenteil: Vielleicht verstecken sich ja andere hinter unserem Rücken, so schmal er auch sein mag.

Eigentlich wissen wir es alle, was der Volksmund so schön ausdrückt:
„Das ganze Leben ist lebensgefährlich und führt unweigerlich zum Tode.“
Manchmal wollen wir es lieber vergessen. Der Schritt in die berufliche Selbständigkeit, in größere Eigenverantwortung, bringt das Thema in irgendeiner Form auf den Tisch.

Wenn ich mit meinen Coachingkunden über diese Dinge gesprochen habe, beobachte ich regelmäßig Folgendes: Ab dem Moment, wo sie sich der Vergänglichkeit stellen und nicht nur die großen Ziele sehen, sondern auch das Risiko des Scheiterns annehmen, scheint ihnen mehr Kraft und Energie zuzufließen. Sie fangen an, besser für sich selbst zu sorgen und effektiver an ihrer Unternehmung zu arbeiten. Sie würdigen ihre Erfolge mehr und sind dankbarer für das, was sie haben. Und wer weiß? Vielleicht macht gerade das ihren zukünftigen Erfolg wahrscheinlicher.

PS: Daß die Angst vor der Selbständigkeit natürlich auch andere Gründe haben kann, ein ordentliches Geschäftskonzept wichtig ist und auch Versicherungen gelegentlich nicht zu verachten sind, sehe ich als selbstverständlich an. Bei Herrn K. wußte ich, daß er all diese Dinge überdacht und vorgeklärt hatte.

Autor: THL

Thomas H. Lemke berät und coacht in Dresden und Leipzig zu beruflichem Erfolg und persönlicher Entwicklung. Schwerpunkte seiner Arbeit: Coaching für den Berufserfolg, GesprächsCoaching, Männerberatung, UnternehmensAufstellungen.

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